Genügt ein Eimer Farbe gegen das Sterben?
Für eine Sicherheitskultur, bei der Radfahrende genau so viel Wert sind wie Besucher von Weihnachtsmärkten. Ein Plädoyer von Konrad Krause, Geschäftsführer des ADFC Sachsen.

Es ist eine Debatte, die deutsche Kommunen und Veranstalter seit Monaten beschäftigt: Die Sicherheit auf Volksfesten und Weihnachtsmärkten. Seit dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz verstehen die Behörden keinen Spaß mehr. Wenn die Polizei eine „Gefahrenabschätzung“ erstellt, steht die „Abwehr abstrakter und konkreter Bedrohungslagen durch Überfahrtaten mit Kraftfahrzeugen“ im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, der sich alle anderen Aspekte einer solchen Veranstaltung unterordnen. Das Ergebnis? Ein gigantischer, millionenschwerer Kraftakt.
Ob beim Dresdner Striezelmarkt, den Weihnachtsmärkten in Leipzig und Chemnitz, aber auch bei der Dampferparade des Dixielandfestivals in Dresden: Tonnen von Beton, mobile Lkw-Sperren und massive Stahlpoller riegeln Marktstände und Festplätze ab. Allein für den Dresdner Striezelmarkt summieren sich die Kosten für den Terrorschutz auf über 3,5 Mio. Euro. Für die Absicherung einer einzigen „Jazzmeile“ beim Dixielandfestival schossen die Sicherheitskosten kurzfristig um 120.000 Euro in die Höhe – ein finanzieller Schock, der fast zur Absage der Traditionsveranstaltung geführt hätte. Die traditionelle Dixieland-Parade musste dagegen abgesagt werden.
Die Logik dahinter ist einfach: Wo Menschen ungeschützt auf tonnenschwere, fahrende Autos treffen könnten, braucht es unüberwindbare, bauliche Barrieren. Niemand käme auf die Idee, den Striezelmarkt mit einer gestrichelten Linie vor motorisierten Terrorakten wie am Berliner Breitscheidplatz zu „schützen“ und darauf zu hoffen, dass ein Fahrzeug diese Markierung bestimmt respektieren wird.
Doch genau an dieser Stelle offenbart sich eine Bigotterie in unserer Sicherheitskultur, die sprachlos macht. Sobald wir den Festplatz verlassen und den alltäglichen Straßenraum betreten, verlässt unsere Behörden schlagartig jeder Sinn für physikalische Realitäten und der Mut, auch hier das Prinzip „safety first“ durchzusetzen.
Schauen wir uns die nackten, bitteren Zahlen der letzten fünf Jahre in Deutschland an. Allein im Jahr 2025 starben in Deutschland 462 Radfahrende bei Verkehrsunfällen. In den letzten fünf Jahren summiert sich die Zahl der getöteten Radfahrer auf weit über 2.000 Menschen. In drei von vier Fällen (74,7 %) trugen laut Statistischem Bundesamt die Autofahrer die Hauptschuld.
Die Gefahr, als Radfahrerin oder Radfahrer von einem Auto erfasst, verletzt oder getötet zu werden, ist statistisch gesehen also um ein Vielfaches höher als das Risiko, Opfer eines terroristischen Anschlags auf einem Volksfest oder Weihnachtsmarkt zu werden. Dennoch unterscheidet sich die staatliche Reaktion fundamental. Während zum baulichen Schutz von Volksfesten Millionen fließen und den Veranstaltern ganz selbstverständlich harte Auflagen erteilt werden, speist man den Radverkehr mit Vertöstungen ab. Das Paradebeispiel ist der sogenannte „Schutzstreifen“: Eine auf den Asphalt gemalte Strichellinie. Sie soll Radfahrende vor zwei Meter hohen SUVs und beschleunigenden Betonmischern schützen, die oft mit minimalem Abstand vorbeirasen. Es ist ein „Schutz“, der allenfalls in der Theorie existiert. Der Schutzstreifen wird keinen einzigen unaufmerksamen Autofahrer, keinen Lkw im toten Winkel und keinen Raser physikalisch aufhalten. Es ist die Kapitulation des Staates vor der Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.
Angesichts dieser Disproportionalität sind wir gezwungen, die Logik der Sicherheitsbehörden und der Entscheidungen der Politik grundlegend zu hinterfragen, um eine längst überfällige und ehrliche Sicherheitsdebatte anzustoßen.
Es beginnt bei der Frage, warum die Polizei für jeden Weihnachtsmarkt eine hochoffizielle Gefahrenabschätzung erstellt, die am Ende die lückenlose Verbarrikadierung eines ganzen Festplatzes mit Betonpollern erzwingt, während gleichzeitig bei den markierten „Schutzstreifen“ ähnliche Fragen nach Sicherheit oder Unsicherheit nicht gestellt werden. Für die Behörden stellt es offenbar kein Problem dar, dass Radfahrende auf solcher Alibi-Infrastruktur täglich knapp überholt und gefährdet werden und als Verkehrsteilnehmer ständig tonnenschwerem rasenden Metall schutzlos ausgesetzt sind – von den unzähligen Straßen, auf denen Radwege komplett fehlen, ganz zu schweigen. Wie kann das sein?
Ebenso unverständlich bleibt, warum in der öffentlichen und politischen Diskussion nicht ansatzweise dieselbe emotionale und dringliche Gefährdungslage für den Radverkehr gesehen wird, wie für Striezelmarktbesucher. Während das Risiko auf Volksfesten und Weihnachtsmärkten glücklicherweise extrem gering ist, kommen auf unseren Straßen Jahr für Jahr hunderte Menschen auf dem Rad unverschuldet bei Unfällen mit Autos ums Leben. Dennoch bleibt der kollektive Aufschrei hier aus. Sind Menschenleben unterschiedlich viel wert, je nachdem, ob man mit dem Rad unterwegs war oder gerade Glühwein getrunken hat?
Man muss sich folglich fragen, welche ernsthaften Aktivitäten der Staat eigentlich überhaupt entfaltet, um Radfahrende vor der alltäglichen Gefährdung schützen – sei es durch viel zu knappes Überholen, rücksichtslose Vorfahrtsmissachtung, überhöhte Geschwindigkeit oder puren Übermut. Wo bleiben die regelmäßigen Kontrollen des Überholabstands? Wo bleibt die klare Kampfansage des Innenministers gegen Raser? Wo bleibt das Veto der Polizei, wenn bei einer Straßenplanung – wie allzu oft – kein sicherer Radweg gebaut werden soll? Überhaupt: Wieso sind Investitionen in Radwege eigentlich immer das erste, was als Sparmaßnahme aus den öffentlichen Haushalten gestrichen wird? Vergleicht man das beredte Schweigen der Polizeibehörden in Bezug auf sicheren Radverkehr mit den millionenschweren Investitionen in Poller und den harten Auflagen für Festveranstalter, stehen die Bemühungen in einem grotesken Verhältnis.
Am Ende führt dies zu der zentralen Erkenntnis, dass wir das Rad nicht neu erfinden müssen. Es könnte längst ein allgemeiner Konsens sein, dass Radwege, die lediglich aus aufgemalten Linien bestehen, dem Radverkehr in der Praxis nicht viel Schutz bieten. Stattdessen ist es Zeit für ein ähnliches logisches Grundverständnis wie bei Volksfesten und Weihnachtsmärkten: Wer schwächere Verkehrsteilnehmer wirklich schützen will, muss eine echte, bauliche Absicherung des Radverkehrs gegen Autos durchsetzen – beispielsweise in Form von Radwegen an Straßen außerorts oder echten Protected Bike Lanes innerorts.
Es geht hierbei nicht darum, die berechtigten Sicherheitsinteressen von Festbesuchern gegen die von Radfahrenden auszuspielen. Es geht darum, dass das Recht auf körperliche Unversehrtheit für alle gleichermaßen gilt. Ein Menschenleben auf dem Fahrrad ist nicht weniger wert als ein Menschenleben auf dem Weihnachtsmarkt. Es wird Zeit, dass unsere Infrastruktur das endlich widerspiegelt. Es wird Zeit, dass Verkehrsplaner, Polizei und politische Entscheidungsträger diese banale Botschaft verstehen und endlich ernst nehmen.
Wir brauchen keine neuen Eimer Farbe. Wir brauchen echten, baulichen Schutz.





