
Sichere und komfortable Radwege © ADFC Sachsen
Leitfaden für Pressevertreter:innen
Dieser Leitfaden soll Journalisten und Medienvertretern dabei helfen, konstruktiv über Verkehrsunfälle zu berichten, bei denen Fußgänger, Radfahrer, Rollstuhlfahrer und andere ungeschützte Verkehrsteilnehmer verletzt oder getötet werden.
Verletzungen und Todesfälle im Straßenverkehr sind keine „Unfälle“. Vielmehr sind sie oft Ergebnis politischer und gestalterischer Entscheidungen über den Straßenraum. Nicht selten werden Verkehrsunfälle bei denen Menschen verletzt oder gar getötet werden dadurch begünstigt, dass Infrastruktur so gestaltet ist, dass sie die Sicherheit und den Komfort von Menschen in Kraftfahrzeugen auf Kosten der Menschen außerhalb dieser Fahrzeuge priorisiert.
Auch die Berichterstattung über Verkehrsunfälle ist leider oft von einer Bedenkenlosigkeit gekennzeichnet, die solche Unfälle allzu leicht als unabwendbare Ereignisse erscheinen lässt. Die Wurzel dieser Berichterstattung ist oftmals in den Polizeiberichten, welche durch die Medien meist ohne eine redaktionelle Bearbeitung übernommen werden.
Wir stellen diesen Leitfaden zur Verfügung, um die Rechenschaftspflicht zu stärken und letztendlich sicherere Städte und Gemeinden für alle zu schaffen. Wir sind der Ansicht, dass die Wahl der Sprache, ohne dass dies beabsichtigt wird, dazu führt, dass sich Sicht- und Denkweisen darüber etablieren, was Unfälle verursacht und warum diese geschehen. Eine verharmlosende Darstellung schwerwiegender Unfälle führt dazu, dass sich auch in der breiten Öffentlichkeit diese verharmloste Bild einprägt. Verkehrsunfälle werden einfach hingenommen und die Ursachen nicht hinterfragt. Wir laden alle Medienvertreter dazu ein, mit Hilfe unseres Leitfadens über eine andere Art und Weise der Berichterstattung über Verkehrsunfälle nachzudenken.
Wir möchten Ihnen daher zu folgenden Aspekten der Berichterstattung eine Hilfestellung an die Hand geben:
1. Verkehrsunfälle sind vermeidbar
Vermeiden Sie den Begriff „Unfall“. Ersetzen Sie diesen entweder durch „Verkehrsunfall“, wenn klar ist, dass eine mangelhafte Infrastruktur den Unfall verursachte. Sofern menschliches Fehlverhalten die Ursache für den Unfall war, sprechen Sie von „Zusammenstoß“ oder „Kollision“. Der Begriff „Unfall“ suggeriert, dass Verkehrsunfälle unvorhersehbar sind und man nichts dagegen tun kann. Faktoren, wie fehlende sichere Radwege, die konkrete Gestaltung der Straße oder eine zu hohe Regelgeschwindigkeit können jedoch dazu beitragen, dass Verkehrsunfälle seltener oder häufiger auftreten. Verkehrsunfälle haben oft systemische Ursachen und sie sind oft vermeidbar.
2. Menschliches Leid sichtbar machen
Häufig wird in Berichten von Verkehrsunfällen nur der Sachschaden aufgeführt, aber das menschliche Leid nicht erwähnt. In Polizeiberichten werden Sachschäden oft präzise beziffert, aber die Verletzungen der Menschen bleiben vage. Verzichten Sie lieber ganz darauf den Sachschaden zu betiteln und fokussieren Sie den Bericht auf die Folge für die beteiligten Personen.
3. Fahrzeuge werden von Personen geführt
Stellen Sie bereits in der Überschrift und direkt zu Beginn des Artikels den expliziten Zusammenhang zwischen dem Fahrer mit Fahrzeug und den Unfallfolgen. Seien Sie so konkret wie möglich und vermeiden Sie es, Aspekte wegzulassen, wie zum Beispiel die Unfallfolgen für die beteiligten Personen oder das die Fahrzeuge von Personen gelenkt wurden. Vermeiden Sie es auch, die Unfallfolgen nur dem Fahrer gegenüberzustellen. Eine Beschreibung der offensichtlichen Ursachen für den Verkehrsunfall und die Herstellung von Zusammenhängen stellen keine rechtliche Schuldzuweisung an den Fahrer da. Aber eine unklare Formulierung mindert allgemein die Wahrnehmung von Autounfällen als Problem. Hier ein konkretes Beispiel: Anstatt „Mädchen stirbt nach Autounfall.“ schreiben Sie besser „Mann überfährt Mädchen tödlich mit Auto.“
4. Verkehrsunfälle sind keine Einzelereignisse
Verkehrsunfälle ereignen sich täglich. Indem Sie auf die Unfallhistorie an der Straße oder Kreuzung verweisen, machen Sie deutlich, dass Verkehrsunfälle meist gehäuft an bestimmten Orten der Stadt auftreten. Die Darstellung der Unfallhistorie über einen längeren Zeitraum hilft der Öffentlichkeit und auch der zuständigen Regierung dabei, die gefährlichsten Stellen zu identifizieren und einer Umgestaltung mehr Priorität einzuräumen. Hier ein Beispiel: „Dies ist der 46. Unfall an dieser Kreuzung in den letzten fünf Jahren, der 12., der zu Verletzungen bei den Beteiligten führte, und der dritte, der einen Todesfall zur Folge hatte.“
5. Die beteiligten Fahrzeuge beeinflussen die Schwere von Unfällen
Beschreiben Sie das bzw. die am Unfall beteiligte Fahrzeuge. Die Größe und Konstruktion der Fahrzeuge beeinflusst die Wahrscheinlichkeit und Schwere von Unfällen. Schwerere Fahrzeuge verunglücken häufiger und verursachen bei Unfällen eher Todesfälle. Fahrzeuge mit hoher Frontpartie machen Personen vor ihnen, insbesondere Kinder, für den Fahrer weniger sichtbar. Die Beschreibung dieser Tatsache schafft einen Bedarf an Vorschriften für gefährliche Fahrzeugkonstruktionen. Idealerweise nennen Sie Marke, Modell und Größe. Zum Beispiel: „Der Fahrer fuhr einen Chevrolet Suburban, der über 2.500 kg wiegt.“
6. Die Regelgeschwidigkeit beeinflusst die Schwere des Unfalls
Beschreiben Sie die Geschwindigkeitsbegrenzung in dem Bereich des Verkehrsunfalls. Zahlreiche Belege zeigen, dass Fahrzeuge bei höheren Geschwindigkeiten eher in Unfälle verwickelt werden und dass Unfälle bei höheren Geschwindigkeiten häufiger tödlich enden. 30 km/h sind wesentlich sicherer als 50 km/h, da Unfälle seltener auftreten und da die Unfälle, die auftreten, weniger tödlich sind. Wenn jemand bei einem Verkehrsunfall verletzt oder getötet wird, spielt die Geschwindigkeit immer eine Rolle. Selbst wenn man zu Recht sagen kann, dass der Fahrer die Geschwindigkeitsbegrenzung nicht überschritten hat, sollte die Geschwindigkeitsbegrenzung angegeben werden.
7. Schlechte Infrastruktur führt zu Unfällen
Beschreiben Sie die Gestaltung der Straße/Kreuzung. Eine schlechte Straßenführung, fehlende Rad- und Fußwege oder fehlende Sichtachsen erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Autounfällen. Beispiele hierfür sind
- breite Straßen, welche dazu verleiten mit erhöhter Geschwindigkeit zu fahren,
- Kurven mit großem Kurvenradius, wodurch schneller abgebogen und Fußgänger eher übersehen werden,
- fehlende baulich getrennte, sichere Rad- und Fußwege,
- weit auseinanderliegender Querungsmöglichkeiten von Straßen,
das Parken von Autos auf Radwegen und in Kreuzungsbereichen, sodass die Sicht eingeschränkt wird.